Konzept

Naturagogik ist eine sozialpädagogische Methode, bei der Alltagsleben oder Tagesstruktur auf eine sinnlich-konkrete, naturverbundene und körperbezogene Weise gestaltet wird.  Aufgabe von Naturagog*innen ist die Begleitung und Anleitung von Menschen im Draussensein, bei einfachen Arbeiten und „Handwerklichkeiten“ im Garten und im Übergang zu unkultivierten Naturräumen. Die Tätigkeiten sind eng mit dem Zyklus der Jahreszeiten und den organischen Bestandteilen der Natur (Erde, Wasser, Holz, Pflanzen, Feuer) verbunden. Durch konkrete und zielgerichtete Erfahrung verbindet die Naturagogik die aktuellen Bedürfnisse und Themen der Klientel mit den lebendigen Bewegungen und Eigenkräften in der Natur. Naturagogisches Handeln braucht keine grossen Zeitfenster und Materialien, sie nutzt die Ressourcen vor Ort, rund um das Haus und in der nahen „Wildnis“ und bietet Betreuungspersonen und Klientel damit eine naturverbundene Interventionsform direkt vor der Haustür.
Naturagogik ist keine „Neuerfindung“, sondern vielmehr eine Rückbesinnung oder Erinnerung an gelingendes, „artgerechtes“ Leben.

Ausgangslage

Viele soziale Einrichtungen suchen nach ergänzenden Arbeitsweisen für die Organisation, Betreuung und Beschäftigung in Tagesstrukturen. Produktionsorientierte Werkstätten wie auch allzu offene Freizeitgestaltung können für Betreuungspersonen, vor allem aber auch für Klient*innen zu Über- oder Unterforderung führen, zu Motivationsverlust und dem Gefühl des Ausgebranntseins. Der Fokus auf Lohnarbeit oder Produkte, Arbeitsmarktintegration und Beschäftigung wirkt angesichts der Lebenslagen, Ressourcen und der gesellschaftlichen Entwicklung oft eher unangebracht, ist aber nicht selten das einzige Angebot für eine sinnhafte Alltagsgestaltung. Die Naturagogik bietet hier eine Alternative: ein naturnaher, jahreszyklischer Handlungsbogen, der Verständnis und Freude für lebendige Zusammenhänge fördert, sinnvolles Tätigsein und Selbstwirksamkeitserfahrung ermöglicht.

Wirkung

Neben den primären, salutogenetischen Wirkungen wie Bewegung an frischer Luft, Wahrnehmung von Selbstwirksamkeit, Gemeinschafts- und Zugehörigkeitserleben, Erfahrung einer sinnvollen Tätigkeit, geht die Naturagogik zusätzlich von einer tieferen, heilsamen Wirkung aus, die sich durch den Kontakt mit Organischem, dass sich in beständiger, lebendiger Balance befindet und selbst reguliert, einstellt.

Leitlinien naturagogischer Interventionen

– Sanfter Kontakt mit Wildnis bzw. nicht-menschengemachter Welt (Rhythmus, Raum, Elemente)
– Sinnvolle, konkrete Handlung, Wirksamkeitserfahrung
– Resonanz mit natürlichen Zyklen (Jahreszeiten, Werden & Vergehen)
– Naturdialog
– Einfaches Leben, natürliche Ästhetik
– Gemeinschaft mit anderen Menschen

Fachlicher Rahmen

Haltung

Naturagogik ist eine Praxismethode des Natur-Dialog-Ansatzes und folgt dessen Grundprinzipien.
Die systemische Perspektive reicht über die menschliche Bezugswelt hinaus auch in unser Eingebundensein in natürliche Rhythmen und Zyklen und elementare Bezogenheit. Auch in der Zeitachse verbindet sich die Naturagogik weit über die eigene Biographie und konkrete Vorfahren hinaus, auf ein Urwissen im Einklang und in Kooperation mit den Ressourcen bzw. dem umgebenden Lebens-Raum.
Naturagogische Praxis vollzieht sich in einer Pendelbewegung zwischen Kultur- und Naturraum und wirkt daher mehrheitlich im menschlich erschlossenen Naturraum. Entgegen der gesellschaftlichen Dynamik linearer Entwicklung, der Suche nach immer mehr Produktivität und Effektivität, bietet die Naturagogik Klientinnen wie Sozialpädagoinnen ein Handlungsfeld in dem die Bezugspunkte natürlichen Rhythmen unterstellt sind (und nicht dem Takt der modernen Welt). Die Wahrnehmung des „Wachsens & Gedeihens“, die Hingabe und das Lassen sind zentrale Aspekte naturagogischer Haltung.

Zielgruppen

Jugendliche in stationärer Betreuung, Menschen mit psychischen Störungen, Jugendliche und Erwachsene in Tagesstrukturen, Bewohnerinnen und Bewohner in Alten- und Pflegeheimen, Menschen mit kognitiver und/oder leichter körperlicher Beeinträchtigung.

Literatur

Lützenkirchen, Herrmann, Posch, Schmahl (2013): Natur, Gärten und Soziale Arbeit. Theorie und Praxis naturgestützer Interventionen. Jacobs Verlag, Lage.
Kreszmeier, Hufenus (2000): Wagnisse des Lernens. Haupt, Bern
Rosa (2017): Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Surhkamp, Berlin.
Hufenus (2008): Kochen im Outdoor. Bände 1-4: Feuer, Orte, Wege, Menschen. Bucher Verlag, Hohenems.
Kreszmeier (2018): Systemische Naturtherapie. 3. Auflage. Carl-Auer, Heidelberg.
Petzold (2019): Die neuen Naturtherapien. Handbuch der Garten-, Landschafts-, Wald- und Tiergestützten Therapie, Green Care und Green Meditation. Band I: Grundlagen – Garten- und Landschaftstherapie. Aisthesis, Bielefeld.
Knümann (2019): Naturtherapie. Mit Naturerfahrungen Beratung und Psychotherapie bereichern. Beltz, Weinheim.